Stresemann

Stresemann, Gustav, Politiker, Verbandsfunktionär, *10.5.1878 Berlin, †3.10.1929 Berlin.

Gustav Stresemann war der bedeutendste Politiker der Weimarer Republik und einer der großen Staatsmänner der deutschen Geschichte. Dass er Politik mit Augenmaß, mit Sinn für das Mögliche und mit der Fähigkeit zum Kompromiss betrieb, hob ihn von einer „Kultur der Unbedingtheit“ ab, wie sie gerade in Deutschland verbreitet war. Seine Außenpolitik verband nationale Interessen mit internationaler Kooperation. Im französischen Außenminister Aristide Briand fand Stresemann den Partner einer deutsch-französischen Verständigungspolitik, in der die Möglichkeiten einer friedlichen Entwicklung in Europa angelegt waren. Sie scheiterte zunächst an der Friedlosigkeit ihrer Zeit – und begründete zugleich die Tradition einer erfolgreichen Außen- und Europapolitik im 20. Jahrhundert, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg zum Tragen kam.

Inhaltsverzeichnis

Charakterisierung des Politikers

Liberale Überzeugung, hingebungsvolle Arbeit, mutiger und rückhaltloser persönlicher Einsatz, lernbereite Aufgeschlossenheit, ingeniöse Begabung für die Politik und bei allen starken Gefühlen, ja Träumen von großen gemeinsamen Zielen ein ausgeprägter Sinn für realistischen Interessenausgleich ließen Stresemann in einem langen Reife- und Wandlungsprozess zu einer Stütze der Weimarer Republik werden. Sein Streben nach einer unaufhebbare Differenzen übergreifenden Gemeinsamkeit kennzeichnete seine Politik in jedem Aktionsfeld, vom kleinen Industrieverband bis zur Europa- und Weltpolitik. Schon früh gehörte er zu denen, die die modernen Gegebenheiten verkörperten: als Verbandsvertreter, Parteipolitiker mit seltenem Organisations- und Leitungstalent und leidenschaftlicher Parlamentarier, in der Verknüpfung von Politik und Interessen, mit seiner rhetorischen und publizistischen Begabung, seiner Erkenntnis des hohen politischen Ranges der öffentlichen Meinung, seiner Identifikation stiftenden, von konkreten Überzeugungen und Visionen gestützten Öffentlichkeitswirkung, seinem Sinn für moderne Konkurrenz- und Organisationsstrukturen und mit seiner Ambivalenz als Nationalist und Verfechter internationaler Kooperation.

Gesellschaftlicher und politischer Aufstieg

Der aufstrebende Nationalliberale.<br /> Gustav Stresemann als Abgeordneter<br /> des Deutschen Reichstages<br /> im Jahr 1910.
Der aufstrebende Nationalliberale.
Gustav Stresemann als Abgeordneter
des Deutschen Reichstages
im Jahr 1910.

Stresemann stammte aus einem kleinen Geschäftshaushalt (Flaschenbiervertrieb), war ein ehrgeiziger Aufsteiger, schon als Gymnasiast journalistisch tätig, in traditionellem Sinne bildungsbewusst, protestantisch und liberal, engagiertes Mitglied einer Reformburschenschaft. 1900 wurde er in Nationalökonomie promoviert, hatte rasch Erfolg in der Geschäftsführung von Wirtschaftsverbänden, heiratete 1903 Käte Kleefeld aus einer Familie jüdischer Geschäftsleute und wurde bereits 1907 Reichstagsabgeordneter der Nationalliberalen Partei. Dank der Protektion Ernst Bassermanns und seiner eigenen Fähigkeit zum Ausgleich früh in führenden Positionen, wurde er 1917 Fraktionsvorsitzender. Gegner des Antisemitismus und der Ausgrenzung der Arbeiterbewegung, beeindruckt vom sozialliberalen Denken Friedrich Naumanns und von den Streiks 1904, setzte er soziale Kompromisse und Reformen gegen Klassenkampf, wechselte aber im Sog des bewunderten Aufstiegs des Kaiserreiches und seines Imperialismus von jugendlicher 1848er-Schwärmerei zum gemäßigt liberalen Nationalismus. Machtgestützte liberale Wirtschaft und nationales Prestige waren damals sein außenpolitischer Maßstab und Pendant zu inneren, das Reich stärkenden Reformen. Leistung, Wettbewerb, mittelständische Vielfalt, staatlich gewährleistet durch Sicherung der daran Beteiligten, auch der Landwirtschaft, das blieb sein politisches Credo.

Der Erste Weltkrieg – vom Annexionisten zum Realpolitiker

Der Erste Weltkrieg, den er stets als den Deutschen aufgezwungen und in dem er Großbritannien als Hauptgegner ansah, schien ihm die Chance weitreichender Expansion zu bieten. In fast blindem Vertrauen auf die Militärs trat er rückhaltlos für einen Siegfrieden ein; in der Innenpolitik hingegen verließ ihn sein realistisches Gespür für die unter dem Druck des Kriegs erforderlichen grundlegenden Veränderungen nicht. Nach 1918 brauchte er bei aller Illusionslosigkeit über dessen Folgen Jahre, um den Zusammenbruch zu verarbeiten. Die Erfahrung des Kriegs und der Überlegenheit vor allem des britischen parlamentarischen Systems brachte ihn endgültig zur Realpolitik, zum liberal-demokratischen Parlamentarismus und schließlich zur Anerkennung der Republik.

Weimarer Republik – Gründung der „Partei der Mitte“

Sein Ziel war ein allmählicher, durch außenpolitische Entspannung und Erfolge unterstützter national-integrativer Ausgleich; deswegen die Heranziehung der SPD wie der Deutschnationalen Volkspartei zur Regierung. Deutliche Anzeichen parlamentarischer Schwäche durch eine Stärkung der Stellung des Reichspräsidenten zu beheben, lehnte er ab. In seinen letzten Jahren wollte er die Regierung durch breitere parlamentarische Basis stärken, etwa im Sinne britischer Kabinettsregierung. Sein Ausgleichsstreben konzentrierte sich, angesichts der prinzipiellen Bedrohung durch die Polarisierung der politischen Extreme, auf die gemäßigten Parteien, doch immer aus einer sorgfältig kalkulierten Position der Mitte und einem den Umständen sich anpassenden Spielraum nach rechts und links. Darin sah er eine große, die zerklüftete Gesellschaft einigende Aufgabe des Liberalismus. Die traditionelle Spaltung der Liberalen ebenso wie sein langes Festhalten an dem Ziel eines Sieg- und Annexionsfriedens und persönliche Animositäten hatten im Herbst 1918 eine gemeinsame liberale Partei verhindert und ihn zur Gründung der rechtsliberalen Deutschen Volkspartei als Partei der Mitte veranlaßt, deren Vorsitzender und bedeutendster Politiker er bis zu seinem Tod blieb, so belastend der nationalistische und der schwerindustrielle Flügel seiner Partei für ihn oft waren.

Kanzler und Außenminister – Revisionist und Vermittler

Staatsmann und Weltbürger.<br/> Reichsaußenminister Gustav Stresemann.
Staatsmann und Weltbürger.
Reichsaußenminister Gustav Stresemann.

Schon zuvor im engsten Kreis der Kandidaten, wurde Stresemann während der schwersten Krise des Reiches - Ruhrkampf, völlige Geldentwertung, Separatismus, Hitlerputsch etc. - Kanzler (13.8.-30.11.1923) und blieb bis zu seinem Tod Außenminister, der richtungweisende Entscheidungen bewirkte - für die Republik, für eine liberale Wirtschaftspolitik mit sozialer Sicherung und vor allem für eine Außenpolitik der Gleichberechtigung und Kooperation mit dem Westen (Locarno-Verträge, politische und wirtschaftliche Verständigung in Europa, Reparationsregelung [Dawes- und Youngplan] und Rheinlandräumung, aber Offenhalten der Grenzfrage im Osten). Am 10.12.1926 erhielt er für seine Locarno-Politik gemeinsam mit dem französischen Außenminister Aristide Briand den Friedensnobelpreis. Basis seiner Erfolge war vor allem die Fähigkeit zum Dialog und zum Kompromiß als unentbehrlichem Prinzip in einer immer stärker verflochtenen Welt. Grundlegend war außenpolitisch die Erkenntnis des Zusammenhangs zwischen Sicherheit, Entspannung und Wirtschaft, die enge Kooperation mit Frankreich und die Verbindung mit der Deutschland stützenden Weltmacht der USA. Einen neuen Krieg sah er für Deutschland und Europa als verhängnisvoll an; daher seine Politik friedlicher Interessenverfolgung, europäischen Interessenausgleichs und internationaler Verständigung. Eine engere wirtschaftliche Gemeinschaft in Europa hielt er ebenfalls für unerläßlich, und für alle diese Zwecke lernte er den Völkerbund als praktisches Instrument und Ausdruck internationaler Gemeinschaft schätzen. Er war ein überzeugter Anhänger des erneuerten, zwischen Locarno-Politik und Völkerbund verankerten Europäischen Konzerts, der engen Konsultation und Kooperation der Großmächte, wobei er europäischer und atlantischer Orientierung gerecht zu werden suchte. Eine begrenzte Revision des Versailler Vertrags wollte er daher nur im Einvernehmen mit den Großmächten erreichen. Dies und die Gegnerschaft gegen den Bolschewismus schufen Distanz zur Sowjetunion; allerdings blieb für ihn ein gutes, realpolitisch gestaltetes und zu nutzendes Verhältnis zu ihr und ihre Heranziehung an Europa schon wegen ihrer Unberechenbarkeit geboten. Bis zur Zerrüttung seiner Gesundheit kämpfte Stresemann für den nationalen Wiederaufstieg durch wirklichkeitsnahe, schrittweise Modernisierung. Er war kein visionärer oder programmatischer Gestalter einer neuen Politik, doch fähig, die Herausforderungen und Möglichkeiten seiner Zeit zu erkennen und in konkrete Politik zu fassen.
Peter Krüger: Gustav Stresemann, in: DBE 9(2006), S. 584-585.

Literatur

Wright, Jonathan R. C.: Gustav Stresemann. Weimar's greatest statesman. Oxford, 2002.
Baechler, Christian: Gustave Stresemann (1878 - 1929). De l'impérialisme à la sécurité collective. Straßburg, 1996.
Kolb, Eberhard: Gustav Stresemann. München, 2003.