album-art

Foto: Bastian Knautz mit Prof. Dr. M. Gehler / Werner, 2026

Schon lange vor der Gründung der Europäischen Gemeinschaft dachte Stresemann über Formen europäischer Zusammenarbeit nach – in einer Zeit, die von Nationalismus, Instabilität und den Folgen des Ersten Weltkriegs geprägt war. Wie sah seine Idee europäischer Integration konkret aus? War er seiner Zeit voraus? Und was kann die Europäische Union heute von ihm lernen? Das sind die Themen dieser Episode des „Stresemann-Gesprächs“.

Shownotes

Europa steht erneut unter Druck. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, der Aufstieg Chinas und die außen- und sicherheitspolitische Neujustierung der USA stellen die Europäische Union vor grundlegende Fragen: Kann Europa in einer Welt wachsender Machtpolitik bestehen? Wer übernimmt Führung? Und wie muss die EU institutionell aufgestellt sein, um im Konzert der Großmächte handlungsfähig zu bleiben?

Diese Debatten sind nicht neu. Bereits vor knapp 100 Jahren setzte sich Gustav Stresemann mit ganz ähnlichen Herausforderungen auseinander. In den krisenhaften Jahren der Weimarer Republik – in einer Epoche von Inflation, politischer Radikalisierung und tiefem Misstrauen zwischen den Staaten – entwickelte er Ideen für eine engere europäische Kooperation. „Europa“ stand damals nicht für Integration und Fortschritt, sondern für Zerstörung und Rivalität. Gerade vor diesem Hintergrund war Stresemanns Einsatz bemerkenswert.

War er ein Visionär der europäischen Einigung? Oder verfolgte er primär nationale Interessen mit europäischen Mitteln? Warum sah er keinen Widerspruch zwischen nationaler Verantwortung und internationaler Verständigung? Und was hätte ein länger wirkender Stresemann für Europa bedeuten können? Wir blicken also zurück auf Stresemanns Zeit, seine Motive, Ideen und politischen Handlungsspielräume. Gleichzeitig richten wir den Blick nach vorn: Wo steht die Europäische Union heute? Braucht sie mehr strategische Klarheit, mehr politische Führung – vielleicht sogar mehr „Stresemann“? Was lässt sich aus der Zwischenkriegszeit für unsere Gegenwart lernen?

Gesprächspartner: Prof. Dr. Michael Gehler

Gast dieser Folge des Stresemann-Podcasts ist Michael Gehler, einer der profiliertesten Experten der europäischen Integrationsgeschichte im deutschsprachigen Raum. Gehler ist Professor für Neuere Deutsche und Europäische Geschichte sowie Leiter des Instituts für Geschichte an der Stiftung Universität Hildesheim. Als langjähriger Inhaber eines Jean-Monnet-Chair für vergleichende europäische Zeitgeschichte und Geschichte der europäischen Integration hat er die Forschung zur historischen Entwicklung Europas maßgeblich geprägt. Dabei verbindet er historische Tiefenschärfe mit analytischer Gegenwartsdiagnose – und schaltet sich regelmäßig in aktuelle akademische wie öffentliche Debatten zur Rolle Europas in der Welt ein.

Website: https://www.uni-hildesheim.de/fb1/institute/geschichte/das-institut/michael-gehler/

Publikationen (Auswahl)

  • Europa als Idee von Karl dem Großen bis zum Abschied von den „Vereinigten Staaten von Europa“, in: Rausch-Amon, Bettina u.a. (Hrsg.): Die großen Erzählungen zu Europa, Wien 2024, S. 31–41.
  • Handelt es sich bei der Europäischen Union um ein Imperium?, in: Cuccia, Deborah u.a. (Hrsg.): Geschichte Europas. Seine Desintegration und Integration schreiben, 2 Bde., Hildesheim/Zürich/New York 2023, S. 567–577.
  • The ‘Saints’ of European Integration: From Visionaries to Architects, in: Segers, Mathieu/van Hecke, Steven (Hrsg.): The Cambridge History of the European Union, Vol. II, Cambridge 2023, S. 508–539.
  • Europas Integration im Spannungsfeld von nationalstaatlicher Souveränität und gemeinschaftlicher Supranationalität, in: Mayer, Tilman (Hrsg.): 150 Jahre Nationalstaatlichkeit in Deutschland, Baden-Baden 2021, S. 299–331.
  • Europas Weg. Von der Utopie zur Zukunft der EU, Innsbruck/Wien 2020.
  • Europa. Ideen – Institutionen – Vereinigung – Zusammenhalt, Reinbek bei Hamburg 2018.
  • Motiv Europa: Seine Geschichte und Einigungsideen 1789–1945, in: Gehler, Michael/May, Otto (Hrsg.): Motiv Europa, Hildesheim 2017, S. 229–248.
  • Die Europäische Union als Erfolgsmodell für das 21. Jahrhundert?, in: Nitschke, Peter (Hrsg.): Der Prozess der Zivilisationen, Berlin 2014, S. 219–239.
  • Die Europäische Union – ein postmodernes Imperium?, in: Gehler, Michael/Rollinger, Robert (Hrsg.): Imperien und Reiche in der Weltgeschichte, Bd. 2, Wiesbaden 2014, S. 1255–1307.
  • At the Heart of Integration: Understanding National European Policy, in: Kaiser, Wolfram/Varsori, Antonio (Hrsg.): European Union History, Chippenham/Eastbourne 2010, S. 85–108.

Host: Bastian Knautz

Gastgeber dieser Folge ist Bastian Knautz, Historiker der Internationalen Geschichte des 20. Jahrhunderts. In seiner Forschung beschäftigt er sich intensiv mit der Geschichte der europäischen Einigung, ihren Krisen und Wendepunkten.

Publikationen (Auswahl)

  • Schicksalsjahre einer Gemeinschaft. Die Europäische Gemeinschaft auf dem Weg zur Einheitlichen Europäischen Akte 1983–1986: Studien zur Geschichte der Europäischen Integration, Franz Steiner Verlag (erscheint 2026).
  • (gem. mit Lucas Paul Schmelter) The Failure of the Post-Cold War Global Order?, H-Diplo/Robert Jervis International Security Studies Forum: https://issforum.org/conference-report/h-diplo-rjissf-conference-report-on-the-failure-of-the-post-cold-war-global-order
  • (gem. mit Andreas Rödder) Wie kann Deutschland in Europa führen, ohne seine Partner zu ängstigen?, in: Geppert, Dominik/Hennecke, Hans Jörg (Hrsg.): Interessen, Werte und Verantwortung, Paderborn/Boston 2019, S. 103–117.

Rezension zu Gehler, Michael: Europa. Ideen – Institutionen – Vereinigung – Zusammenhalt, in: Sehepunkte 18 (2018), Nr. 10.